Hirscher Blog: Zu perfekt, um wahr zu sein?

Die Entscheidung, auch in Kranjska Gora nicht mit der Stoppuhr in der Hand, sondern mit dem Messer zwischen den Zähnen zu fahren, war wieder einmal die richtige!

Hi Leute,

was war das für ein unvergessliches Wochenende! Sieg im Riesentorlauf und Sieg im Slalom, drei Mal Laufbestzeit und am Ende mit zwei kleinen und der siebten großen Kristallkugel in Folge wieder heimgereist – mehr geht nicht! Dazu die zwei Goldmedaillen in Südkorea, (fast) fertig ist eine Fabel-Saison, die sich keiner von uns je im Leben hätte vorstellen können – am wenigsten ich selbst. Weil das große Ganze, Stand jetzt, nicht zu begreifen ist, fangen wir im Kleinen an. 😉

Beginnen wir mit unserer Zeit in Südkorea: Wir haben lange überlegt, ob wir in der Kombi an den Start gehen sollen. Die Chance war da, doch dafür musste eine gute Abfahrtsleistung her. Die ersten Trainingsleistungen in der Abfahrt waren alles andere als gut. Am Nachmittag vor der Kombi haben wir in einem Sondertraining noch ein anderes Set-Up getestet. Auf einmal fühlte ich mich wohl und konnte auch mehr Risiko nehmen. Am nächsten Tag gelang mir eine mehr als passable Leistung in der Kombi-Abfahrt. Eine gute Ausgangslage für den Slalom. Dass es in dem kurzen, extrem stürmischen Kombi-Slalom, trotz Blindflug im Zielhang, für Gold gereicht hat, lag einzig und allein daran, dass ich bewusst eine rundere Linie gewählt habe, um etwas weiter von den Stangen wegbleiben, und die Gefahr einzufädeln bannen zu können.

Das erste Gold in Pyeongchang sollte mir doch auf gewisse Weise den Druck nehmen. Ich hatte das fehlende Puzzlestück gewonnen. Doch in der Kombi, was für mich und alle anderen überraschend war. Ich wusste: Gold im RTL erwartet ganz Österreich von mir. Das nenne ich Druck. Umso erleichterter war ich, dass es im Riesentorlauf mit zwei sehr guten Läufen ebenfalls für die Goldene gereicht hat. Da fiel eine große Last von meinen Schultern. Ein Grund für den Erfolg im RTL war rückblickend der Schnee in Südkorea. Der ist extrem aggressiv und erinnert in Teilen an den Schnee in Beaver Creek. Weil wir dort schon oft gefahren sind, hatten wir tip top Materialerfahrungen und wussten welches Set-Up funktionieren würde.

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Der Eiertanz (man muss es so nennen), den wir im Südkorea-Slalom bis zum Ausfall hingelegt haben, lässt sich unter anderem darauf zurückführen, dass wir genau diese Materialerfahrungen für das Slalom-Set-Up nicht hatten… Unterm Strich stehen trotz des verpatzten Slaloms zwei Goldmedaillen von unbeschreiblichem Wert!

Zurück im Weltcup war die erste Aufgabe der Riesentorlauf in Kranjska Gora. Es waren schwierige Verhältnisse, bei denen es teils in nur einem Schwung von griffigem, aggressivem Schnee auf blankes Eis ging. Das hat jeden im Feld schon im 1. Lauf extrem gefordert. Umso glücklicher war ich, dass ich mit 0,73 Sekunden Vorsprung in die Entscheidung gehen durfte, bei der klar war, dass es über eine Buckelpiste führen würde. Mit dem Mindset, dass ich Rennen gewinnen will, statt Punkte zu sammeln, habe ich es im 2. Lauf geschafft, erneut Bestzeit zu fahren und den Sieg im Rennen und in der RTL-Wertung 2018 zu holen!

Während ich beim RTL ohne jeden Druck gestartet bin, war ich im Slalom, vor allem vor dem 2. Lauf, doch ein wenig nervös. Ich wusste, wenn du die Führung aus dem 1. Lauf runterbringst, hast du nicht nur die kleine Slalom-Kugel, sondern auch deinen siebten Gesamtweltcup sicher. Im Starthäuschen habe ich deshalb kurz überlegt, ob ich warten soll, mit welcher Zeit Henrik im Ziel ankommt… Diesen Gedanken habe ich aber schnell verworfen und mir gedacht: Vergiss es, du machst es wie in den restlichen Rennen und fährst volle Kanne und auf Sieg!

Bei der Zieleinfahrt wusste ich dann, dass es wieder einmal die richtige Entscheidung war, nicht mit der Stoppuhr in der Hand, sondern mit dem Messer zwischen den Zähnen zu fahren! 1,22 Sekunden Vorsprung auf Henrik, mein 12. Sieg in dieser Saison und der vorzeitige Gewinn in der Slalom-, Riesentorlauf- und Gesamtweltcupwertung sind ein toller Beweis dafür.

Nach einem solch perfekten Wochenende, noch dazu in Kranjska Gora, wo ich vor neun Jahren meinen zweiten Weltcup-Sieg feiern durfte, ist die Euphorie im Team natürlich riesig. Die Ausgangslage mit dem Knöchelbruch im Sommer war einfach zu arg – und doch steht für mich und das Team nach sieben Gesamtweltcupsiegen eine lupenreine Statistik, die wir, abgesehen von all den Erfolgen, nicht fassen können: In sieben Jahren bin ich in keinem einzigen Rennen krankheits-, oder verletzungsbedingt ausgefallen… allein dafür bin ich sehr dankbar! Das ist alles andere als selbstverständlich.

Ein Grund mehr, auch das Saisonfinale in Åre mit 100 Prozent und vollem Ehrgeiz anzugehen. Wir bleiben uns treu und fahren nicht dorthin, um ein paar Tage Schwedenurlaub zu machen. Wir wollen dieser jetzt schon unvergesslichen Saison, wenn möglich, noch mehr Erfolge hinzuzufügen. Es gilt, was schon das ganze Ski-Jahr gilt: Wir fahren auf Sieg, nicht auf Punkte.

In diesem Sinne – wir sehen und in Åre!

Euer Marcel.