Hirscher Blog: Punkterekord zu hohem Preis…

Noch nie so viele Punkte, doch die Akkus leuchten rot: Weihnachten kommt genau jetzt genau richtig!

Marcel Hirscher (AUT)

Hi Leute,

die Italien-Woche kurz vor Weihnachten ist immer ein Highlight, aber auch mit großen Anstrengungen verbunden: drei Rennen in fünf Tagen hinterlassen ihre Spuren. Das Resümee: unterm Strich war die Renn-Woche ein voller Erfolg!

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Los ging es vor eine Woche, als wir nach Alta Badia in Südtirol fuhren. Mit im Gepäck die Gewissheit, dass die RTL-Trainings am Mittwoch und Donnerstag mehr als ernüchternd waren. Das Setup hat nicht gepasst, die Teamkollegen haben mir deutlich gezeigt, dass ich so nicht schnell bin. Samstag Hangfahren und ein paar Tore am Einfahrhang mit ebenso wenigen Lichtblicken. Die Stimmung im Team war bedrückt! Was tun? Ein Blick zurück. Was hat bisher funktioniert und wann sind wir bei den Setup-Abstimmungen eventuell „falsch abgebogen“? Nach längerer Analyse waren wir uns einig, wie wir Sonntag starten wollten. Dennoch: Mein Gefühl war ähnlichen jenem, als wenn jemand im Casino alles auf „16 Rot“ setzt…

Dann Rennen. Alta Badia – eine Strecke, zu der ich schon immer eine ganz besondere Beziehung habe, weil sie einfach geil zu fahren ist. Der erste Durchgang auf der Gran Risa war solide und brachte die Zwischenbestzeit ein. Im zweiten habe ich das Messer zwischen die Zähne genommen und am Ende ordentlich was rausgeholt. Bei der letzten Welle inklusive Sprung habe ich, anders als die Konkurrenz, nichts hergeschenkt. Sicherlich Skills, die ich mir bei meinen Ausflüge in die Speed-Disziplinen angeeignet habe.

Marcel Hirscher (AUT; 1. Platz )

So standen am Ende 0,71 Sekunden Vorsprung auf den Zweitplatzierten Mathieu Faivre zu Buche. Und eines stand noch fest: „16-Rot“ hatte gewonnen! Ein Ergebnis, das mich nach den vielen zweiten RTL-Plätzen in den Wochen zuvor äußerst positiv gestimmt hat! Auch weil es ein toller Erfolg ist, vier Mal in Folge die Gran Risa zu gewinnen. Doch weit wichtiger als der in den Medien viel gefeierte Rekord, Alberto Tomba als Rekordsieger in Alta Badia abgelöst zu haben, war es für mich, wieder ganz oben auf dem Stockerl zu stehen.

Mein Ergebnis des Parallel-RTL ist kurz zusammengefasst: Das war wohl nix! Doch abgesehen vom Ergebnis möchte ich festhalten, dass meine skifahrerische Leistung gut war. Daher kann ich mir auch in diesem Jahr nichts vorwerfen. In diesem, vor allem für die TV-Zuseher, spannenden Format, bringe ich einfach nicht den Speed, den ich bräuchte.

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Umso besser, dass es gestern mit Platz 2 beim Flutlicht-Klassiker in Madonna di Campiglio direkt wieder so gut geklappt hat… trotz acht Tagen voller Trainings- und Rennaction. Wenn man das Rennen zerlegen möchte – was wir immer wollen ; ) – habe ich die entscheidenden Hundertstel auf Henrik Kristoffersen im ersten Lauf liegen gelassen. Dadurch, dass Felix Neureuther, der mit Startnummer 1 ins Rennen gegangen ist, auf halber Strecke ausgeschieden ist, war ich plötzlich der Versuchspilot. Da fällt es mir immer schwer, voll und ganz ans Limit zu gehen. Speziell im Slalom habe ich es gern, wenn ich ein paar Athleten vor mir habe, bei denen ich mir anschauen kann, wie viel wo möglich ist…

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Obwohl ich diesen Luxus dieses Mal nicht genießen durfte, haben Henrik und mich nach dem ersten Lauf nur 23 Hundertstel getrennt. Dass es nach dem zweiten Lauf 33 Hundertstel waren, ist dem Umstand geschuldet, dass ein phänomenal fahrender Henrik Kristoffersen meinen guten zweiten Durchgang extrem stark gekontert hat. Da gilt es anzuerkennen, dass er im Slalom momentan einfach das Maß aller Dinge ist. Positiv aus unserer Sicht: Wir haben es geschafft, erneut ein Stück näher an ihn heranzufahren. Das lässt hoffen!

Abgesehen von der packenden Rennaction und der tollen Atmosphäre in Madonna verbinde ich mit dem Nachtslalom seit letztem Jahr leider auch den Drohnenabsturz, der mich knapper verfehlt hat, als ich bisher dachte. Das habe ich auf Fotos gesehen, wo die Drohne auf dem hinteren Teil meines Skis liegt! Ein Glück, dass ich so schnell Ski fahre ; ) Ein paar Hundertstel langsamer, und das Teil hätte mich erwischt…

Zeit für ein Zwischenfazit. Keine Frage, die Resultate bisher waren gut: Platz 2 zum Saisonauftakt in Sölden, Platz 1 im Levi-Slalom, drei 2. Plätze in Val d’Isère, 1. Platz in Alta Badia und zweiter Platz in Madonna di Campiglio – das kann sich sehen lassen. Dennoch wissen mein Team und ich, dass wir trotz der guten Punktausbeute nicht euphorisch werden dürfen, denn was die Performance betrifft, sind wir noch lange nicht dort, wo wir hingehören. Ja, die Medien haben wieder eine Geschichte: Noch nie so viele Punkte um diese Zeit und noch nie als Gesamtweltcupführender vor dem Christbaum gesessen. Ich kann dazu nur ergänzen: Noch nie so viel Energie verbraucht, um Leistungen zu erbringen. Mein Körper und auch mein Kopf, zeigen mir das deutlich!

Doch ja es stimmt: So speziell und frustrierend die Trainings in diesem Jahr oft waren, so positiv ist die bisherige Punktausbeute: 633 Weltcup-Punkte aus den ersten acht Saisonrennen. Das zeigt, dass ich es nach wie vor schaffe, den Schalter auf Rennmodus umzulegen, wenn es drum geht – egal wie durchwachsen die Vorbereitungen laufen. Das Motto für den Jänner bleibt deshalb gleich: Dranbleiben und Gas geben, denn Stillstand ist Rückschritt!

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Klar ist: Weihnachten kommt genau jetzt genau richtig, denn die vergangenen Wochen haben doch sehr an mir gezehrt, das zeigt auch meine erneute Verkühlung. Die nächsten zwei Tage stehen auch deshalb voll im Zeichen der Regeneration und der Genesung. Dann Weihnachten mit der Familie und endlich einmal die Beine hochlagern. Fertig. Nicht weniger und nicht mehr wünsche ich euch ; )

Frohe Weihnachten! Wir sehen uns in Santa Caterina.
Euer Marcel