Hirscher Blog: Genialer Start in den Wahnsinns-Monat

Die erste Woche 2018 ist mit 340 von möglichen 400 Punkten besser gelaufen, als ich mir das erträumt hätte! Den wichtigsten Rennmonat im Skiweltcup auf diese Weise zu beginnen ist eine Genugtuung.

Hi Leute,

ich hoffe ihr habt Weihnachten und Neujahr gut überstanden? Ich persönlich habe es sehr genossen, ein paar ruhige Tage mit der Familie zu verbringen. Nach den Feiertagen konnten wir vier sehr gute Trainingstage auf der Reiteralm absolvieren. Am 31. Dezember machten wir noch einen Tag Pause.

Ich habe mir den Spaß gemacht und mir im Flugzeug ausgerechnet was der Jänner für mich in Zahlen bedeutet. Laut Plan fahre ich neun Rennen in 31 Tagen. Das bedeutet gleichzeitig, dass 900 Punkte theoretisch möglich wären. Parallel trainiere ich im Jänner laut Plan zwölf Tage auf Schnee. Zehn Tage sind als „Pause“ geplant, wobei ich diese Tage dem Konditions- und Krafttraining widme und diese Tage gleichzeitig meist An- bzw. Abreisetage sind. Insgesamt lege ich im Jänner rund 14.000 Kilometer mit Auto, Hubschrauber und Flugzeug zurück! Nicht gezählt habe ich die unzähligen Medien- und Sponsorentermine, weil mir da der Überblick fehlt. Es ist also ein extrem intensiver Monat und der entscheidende, wenn man Weltcuppunkte sammeln möchte.

Das neue Jahr habe ich um 9 Uhr früh mit einem Flug nach Oslo zum Parallel-Event begonnen. Ein Trip, der sich dank Platz 5 mehr als gelohnt hat. Es wäre sogar noch mehr drin gewesen, hätte ich im Viertelfinale gegen Dave Ryding nicht versucht, die Doppelstangen-Technik zu fahren, mit der ich offensichtlich nicht so gut zurechtkomme, wie größer gewachsene Athleten. Trotzdem: Mit 40 Weltcup-Punkten beim City-Event bin ich überaus zufrieden! Das können die Zuschauer in Oslo nicht behaupten. Die tun mir rückblickend noch immer am ärgsten leid, weil sie wegen des dichten Nebels vor Ort kaum etwas von diesem eigentlich genialen Event mitbekommen haben…

Nach einem Pause- bzw. Reisetag ging es für mein Team und mich am Mittwoch mit Slalomtraining weiter, bevor es am Nachmittag gemeinsam mit Henrik Kristoffersen und Alexis Pinturault von Salzburg nach Zagreb ging. Nach der Landung in Kroatien musste ich zu allererst von meinem Physiotherapeuten behandelt werden, weil ich Probleme mit dem Nacken hatte. Zum Glück konnten die aber behoben werden, sodass ich den Zagreb-Krimi ohne Einschränkungen angehen und letztlich hauchdünn mit elf Hundertstel Vorsprung vor Henrik gewinnen konnte. Der erste von insgesamt drei Hundertstel-Krimis in nur vier Tagen!

Im Gedächtnis geblieben sind von dem einzigartigen Nachtrennen in Zagreb dennoch nicht etwa der sportliche Kampf und die schwierigen Bedingungen, sondern die unglaubliche Leistung, die die Organisatoren vor Ort vollbracht haben, damit das Rennen bei fast zweistelligen Plusgraden überhaupt stattfinden konnte. Summa summarum war es die Anstrengung sicher wert, denn die Atmosphäre, die beim Rennen in einer Großstadt vor tausenden Fans herrscht, ist einfach einmalig und mit nichts auf der Welt zu vergleichen.

Noch dazu konnten wir neben 100 Punkten in dem grobkörnigen, nassen Frühlingsschnee gute Erkenntnisse für die kommenden Rennen, insbesondere Adelboden sammeln. Wichtig, weil wir wegen meiner Verletzungspause Null Erfahrung hatten, welches Material bei diesen warmen Bedingungen funktioniert – jetzt wissen wir: das Set-Up, auf das wir in Zagreb im 1. und 2. Lauf gesetzt haben, passt für Gatschschnee perfekt!

Nächster und letzter Halt dieser unheimlich anstrengenden ersten Januarwoche war Adelboden. Los ging’s am Samstag mit dem wohl schwersten Riesentorlauf, den ich in Adelboden je gefahren bin. Sowohl im 1. als auch im 2. Lauf war es ein Ritt auf der Rasierklinge. Speziell im 2. Durchgang, wo mir bei der Einfahrt in den Zielhang ein übler Eigenfehler unterlaufen ist, der mir so nicht passieren darf. Glücklicherweise hat es dennoch für den Sieg und 100 weitere Punkte gereicht! Ein nervenaufreibendes, kräftezehrendes Rennen, das viel Energie gekostet hat…

Umso größer war die Freude darüber, dass es auch im Slalom am darauffolgenden Tag für den Sieg gereicht hat – noch dazu ein Doppelsieg, mit Michi Matt auf Platz 2. Es ist kein Geheimnis, dass dem Michi, genauso wie früher seinem Bruder Mario, dieser weiche, grobe Schnee liegt – das hat der Michi am Sonntag wieder einmal beeindruckend unter Beweis gestellt: Er ist schlau gefahren und wusste ganz genau, wo er das Tempo zurücknehmen und wo er Gas geben muss, um schnell zu sein. Davon habe ich mich vor meinem 1. Durchgang inspirieren lassen, dachte im Ziel aber nicht, dass ich vor Michi liegen würde. Trotzdem war ich am Ende des 1. Laufs erneut überraschend vorne. Mal wieder! ; )

Dasselbe Gefühl hat mich auch im 2. Durchgang lange begleitet. Erneut hat es nach der Entscheidung im Adelboden-Slalom grün geleuchtet – wieder mit wenigen Hundertstel Sekunden Vorsprung! Glück des Tüchtigen, alles kommt zurück, man kann es nennen, wie man will: momentan liege ich bei den knappen Entscheidungen immer vorne. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass ich gerade letzte Saison oft genug um wenige Hundertstel auf der anderen Seite stand…

Unterm Strich ist die erste Woche 2018 mit insgesamt 340 von möglichen 400 Punkten besser gelaufen, als ich mir das erträumt hätte! Der Januar ist und bleibt der wichtigste Rennmonat im Skiweltcup, da ist es eine große Genugtuung ihn auf diese Art und Weise zu beginnen.

Jetzt gilt es, den Körper wieder in Schuss zu kriegen und die Akkus wieder aufzuladen, bevor es in sechs Tagen weiter nach Wengen geht – ein Rennen, das ich noch nie gewinnen konnte und bei dem ich schon so manche schlechte Erfahrung gemacht habe. Die Freude an diesem schwierigen Hang habe ich dennoch nie verloren, ganz im Gegenteil! Der erste Tag der neuen Rennwoche beginnt mit ausgiebigen Physiotherapiestunde. Morgen wird ähnlich laufen, und am Mittwoch trainieren wir wieder auf der Reiteralm…

Wir sehen uns in Wengen!

Bis dahin,

Euer Marcel