Getting lost in Fernost

Der viermalige Gesamtweltcup-Sieger, über Lebensfreude, Erdbeben in Tokio & Kajaken für Genießer

Von Henner Thies

Die beste Medizin gegen Jetlag? „Trainieren“, sagt Marcel Hirscher. „Ganz klar. Auch wenn du mit Jetlag nicht die Trainingsleistung bringst, die du gewöhnt bist, hilft es, den Körper wieder in den Griff zu bekommen. Deshalb stemmt der vierfache Gesamtweltcup-Sieger am Tag nach seiner Rückkehr aus Tokio bereits wieder Gewichte. „Der Urlaub war Gold wert. Jetzt greifen wir wieder an!“

Marcel, drei Wochen Urlaub in Fernost – wie wichtig war das für dich? Nach der ebenso erfolgreichen wie anstrengenden Ski-Saison 2014/2015 unheimlich wichtig. Gerade am Anfang habe ich eine Zeit gebraucht, bis ich zur Ruhe gekommen bin. Es war wichtig, Zeit zu haben und über das Geschehene nachzudenken. Oft kommen wir in der heutigen Zeit gar nicht mehr hinterher mit dem Verarbeiten. Von daher war diese Auszeit von großem Wert.

LEVI,FINLAND,16.NOV.14 - ALPINE SKIING - FIS World Cup, slalom, men. Image shows Marcel Hirscher (AUT). Photo: GEPA pictures/ Mario Kneisl

Los ging’s in Vietnam – was waren dort deine persönlichen Highlights? Abgesehen von sehr viel Ruhe und Privatsphäre waren das unsere Ausflüge zu den diversen Tempeln und Pagoden. Das war schon faszinierend. Was mich in der Zeit in Vietnam am meisten beeindruckt hat, waren die Menschen. Wie viel Freude man bei der härtesten Arbeit ausstrahlen kann, obwohl die Menschen dort drüben vergleichsweise wenig haben, das hat mich zum einen geschockt, zum anderen bewundere ich das.

Was hat dich daran so fasziniert? Da war beispielsweise eine Dame mit rund 90 Jahren. Sie hat sicher einen Großteil der bewegten Geschichte Vietnams miterlebt. Mit welcher Freude sie ihre Strohhüte gemacht und wie viel Positives sie dabei ausgestrahlt hat, das war einfach unglaublich. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht.

Was nimmst du von solch einer Erfahrung für deinen Alltag mit? Genieß jede Stunde und jeden Tag. Das klingt banal, aber es ist (…) wahr. Wir haben alles! Allein dass wir einfach so in die Küche gehen können und dort trinkbares Leitungswasser zapfen können – das ist ein Luxus, den können sich viele Menschen nicht im Entferntesten vorstellen. Genau diese Einsichten sind für mich das Schöne am Reisen und am Kennenlernen neuer Kulturen.

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Nun bist du nach Fernost gereist, um dort im wahrsten Sinne des Wortes verloren zu gehen, nicht erkannt zu werden, dich treiben zu lassen – trotzdem haben dich in Tokio ein paar Kids am Bahnhof erkannt. Was hast du da gedacht? (lacht) Das war wirklich verrückt! An dem Tag waren wir mit Lupo Paischer unterwegs, dem österreichisch (…) Judoka. Als die Jungs uns am Bahnhof in Tokio angesprochen haben, dachte ich entweder sie kennen Lupo, oder sie sind interessiert, weil die Laura so groß ist (lacht). Eine Frau mit 1,80 ist in Japan durchaus eine Attraktion. Aber nein, sie haben gefragt „Are you Hirscher?“ und wollten ein Foto mit mir.

Was hat es dich mehr überrascht: die Tatsache, dass du in Japan am Bahnhof erkannt wurdest, oder die Expertise und die Begeisterung, mit der dir die Kinder bei offiziellen Autogramm-Stunden begegnet sind? Definitiv die Expertise der dortigen Ski-Fans. Die Fragen, die sie mir teilweise gestellt haben, da dachte ich mir: Ja bist du deppert, woher wisst denn ihr das? Zum Beispiel hat mich einer gefragt, wie wir die Kanten je nach Piste genau präparieren – also Insiderfragen, mit denen nur absolute Fachleute etwas anfangen können. Da bist du platt.

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Ein weiterer Aufreger war das Erdbeben, der Stärke 5, dass du in Tokio miterlebt hast – wie hast du diesen Moment wahrgenommen? Ich habe schon ein zwei kleinere Erdbeben miterlebt, aber das war eine ganz andere Welt: Wir waren beim Essen im Restaurant und plötzlich beginnt alles zu Wackeln. Mein erster Impuls war: Was zum Teufel…? Ich bin für gewöhnlich nicht derjenige, der die Dinge gern dem Zufall überlässt. Aber in diesem Moment war ich vergleichsweise gelassen, was einzig und allein an dem Koch lag, der mir in der offenen Küche des Restaurants gegenüberstand. Der hat nicht einmal mit der Wimper gezuckt und in diesem Moment so viel Sicherheit ausgestrahlt, dass ich mir gedacht habe: Naja, wird schon nicht so schlimm sein.

Irgendwelche innerlichen Nachbeben? (lacht) Das schon! Zum einen habe ich mir am Tag drauf gedacht: Es kann schneller gehen als du denkst. Zum anderen hatte ich am Folgetag schon ein wenig mit Schwindel zu kämpfen. Das hat sich recht schnell gelegt, aber das war schon interessant, zu erfahren, wie es ist, wenn dein Gleichgewicht kurzzeitig geschockt wird.

Warum habt ihr euch dazu entschieden, euren Urlaub in Tokio ausklingen zu lassen? Mich fasziniert diese Stadt schon lange. Zudem hatten wir unsere Zeit am Land und am Strand. Den Input, den du in Tokio mit seinen rund 12 Millionen Einwohnern bekommst, kannst du mit nichts in der Welt vergleichen. Wie es möglich ist, die Stadt bei dieser Anzahl von Menschen so sauber und strukturiert zu halten, das ist schon einmalig. Wenn du dann am Abend oben auf dem Tokyo Skytree stehst und dir werden die Ausmaße dieser Stadt bewusst, da spürst du am eigenen Leib, dass du nur ein kleiner Punkt von vielen da draußen bist. Außerdem waren wir von Atomic zu Terminen in Tokio eingeladen.

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Mit diesen Gedanken im Hinterkopf: Wie lautet das Fazit deiner Fernost-Reise? Erstmal habe ich mich tierisch über die Weite, das viele Grün und den Platz gefreut, den wir in Österreich haben! Die Lebensqualität, die wir hier genießen ist einfach unbeschreiblich. Es war eine intensive Reise mit vielen lehrreichen Momenten, von denen ich keinen einzigen missen möchte. Eine willkommene und nötige Abwechslung zum oft stressigen Alltag hierzulande. Aber auch der hat seine Qualität.

Stichwort Alltag hierzulande: Was steht für dich die kommenden Wochen und Monate auf dem Programm? Ab jetzt wird beinhart trainiert! Wir haben noch den ein oder anderen Kurztrip im Sommer geplant und ich will auf jeden Fall wieder zum Kajaken nach Slowenien. Das ist etwas, was ich sehr genieße. Wobei ich da weniger auf die Tube drücke. Ich bin eher der Genuss-Kajaker (lacht). Adrenalin habe ich beim Skifahren genügend. Außerdem steht im Zuge der DTM noch das Autorennen in Spielberg am Programm und vielleicht noch ein paar weitere Events, die ich mir ansehen werde…

HIER kannst du Marcel Hirschers historische Ski-Saison 2014/2015 nochmal erleben.