Attacke + Taktik = 100 Punkte

Beim Abschwingen im Ziel habe ich gedacht: Das gibt’s nicht! Das muss ein Fehler sein! Fakt ist: So einen knappen, unerwarteten Sieg habe ich bis dato noch nie erlebt.

Hi Leute,

Platz 1 im Madonna-Slalom trotz eines unpackbaren Fehlers im 2. Lauf – dieses Ergebnis ist unglaublich! Die Ausgangslage nach dem 1. Durchgang war als Führender top, der Start in die Entscheidung auch und plötzlich liegst du halb auf dem Hintern und drohst auszufallen… was mir in diesem Moment durch den Kopf gegangen ist, würde ich euch gerne sagen, doch das ist alles andere als jugendfrei.

Nach diesen Sekundenbruchteilen des Ärgers war die Devise klar: Jetzt hilft’s eh nichts mehr, also runterdrücken die Kiste! Genau das habe ich in der Folge getan. Dass es sich im Ziel um gerade 4 Hundertstel ausgeht, habe ich bis jetzt noch nicht begriffen. Beim Abschwingen habe ich mir ernsthaft gedacht: Das gibt’s nicht! Das muss ein Fehler sein! Fakt ist: So einen knappen, unerwarteten Sieg habe ich bis dato noch nie erlebt.

Allein deshalb war der Nachtslalom in Madonna wieder mal ein Highlight. Es war ein extrem unrhythmischer Lauf, von stark drehend bis sehr flüssig: Für uns Fahrer bedeutet das: du musst äußerst flexibel sein, was dein Skifahren, aber auch dein Temperament und deine Linienwahl betrifft. Dementsprechend schwer war es, die richtige Mischung zwischen Attacke und Taktik zu finden – ein Balanceakt, der mir nach dem Fehler glücklicherweise trotz voller Attacke gelungen ist, weil ich wusste: die letzte Kombination musst du jetzt schlau fahren, sonst bist du wirklich draußen.

So stehst du nach einem nicht für möglich gehaltenen Sieg plötzlich neben der lebenden Legende Alberto Tomba „la Bomba“ und darfst dich zu deinem 49. Weltcup-Sieg beglückwünschen lassen. Ein großartiger Moment. Alberto beeindruckt mich jedes Mal wenn ich ihn treffe. Er ist nicht nur als Sport-Ikone eine Ausnahmeerscheinung. Für mich ist er menschlich ein Vorbild, denn nur ganz wenige Große schaffen es, auch die Leistungen anderer mit solcher Wertschätzung zu würdigen. Grande Alberto!

Mit diesen bewegenden Eindrücken geht es in die Weihnachtspause. Eine gute Zeit, um sich hinzusetzen, durchzuatmen und einmal zu resümieren. Angesichts meines Knöchelbruchs und dem damit zusammenhängenden Trainingsrückstand ist der Saisonstart besser gelaufen, als ich es mir in meinen frechsten Träumen vorgestellt hätte. Vor Levi hätte das niemand im Team für möglich gehalten, jetzt ist es Realität!

Diesen Drive gilt es, mit ins nächste Jahr zu nehmen. Viele Journalisten haben mich auf die Führung im Gesamtweltcup angesprochen. Nice to have, doch sind wir ehrlich: Wenn im Frühling der Strich gezogen wird und alle Punkte addiert werden, gibt es einen Sieger. Keine Sau fragt: „Wer hatte zu Weihnachten die Nase vorne.“ Also bleibe ich meiner Devise treu und konzentriere mich auf das nächste Rennen, um dort so gut Ski zu fahren wie möglich.

Jetzt ist aber erst einmal Weihnachten angesagt und ein paar Tage Ruhe und Frieden mit Familie und Freunden. Am 27. Dezember beginnen wir wieder mit dem Training. Genießt die Zeit und rutscht gut ins neue Jahr! Wir sehen und hören uns 2018.

Bis dahin,

Euer Marcel