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Marcel Hirscher

Racer | Alpine Skier | Fast Driver
Veröffentlicht : 15.01.2018

Hirscher Blog: Jetzt spricht das Team!

„Als langjährige Wegbegleiter, ständige Beobachter und Teamkollegen von Marcel wissen wir: Was ihn derzeit so erfolgreich macht, ist die enorme Lockerheit, die er seit Wochen an den Tag legt.“

Hi Leute,

hier sind Josef, Mike und Stefan vom Team Hirscher. Normalerweise berichtet Marcel an dieser Stelle von seinen Rennen. Nach seinem ersten Sieg in Wengen – ein weiterer echter Team-Erfolg – hat Marcel sich gewünscht, dass wir, Mike Pircher, sein Trainer, Josef Percht, sein Physio und Stefan Illek, sein Kommunikationsberater, diesen Job ausnahmsweise einmal übernehmen, um „auch mal das Team zu Wort kommen zu lassen“, wie Marcel meinte. Also: „Time to shine“ ; )

Aber Spaß beiseite. Es ist kein Geheimnis, dass diese Saison für uns alle eine außergewöhnliche ist. Zum einen, weil wegen Marcels Verletzung vor der Saison niemand wusste, was wir erwarten konnten und durften. Zum anderen, weil erfolgstechnisch mittlerweile alle unsere Erwartungen (welche hatten wir überhaupt?!) mehr als übertroffen wurden! Nach zehn gefahrenen Rennen stehen für Marcel acht Siege zu Buche oder anders gesagt durchschnittlich 81 Punkte pro Rennen – so gut stand Marcel zu diesem Zeitpunkt noch nie da…

Und jetzt auch noch der Sieg im Wengen-Slalom! Das einzige Rennen, das Marcel bisher nicht gewinnen konnte, erobert er ausgerechnet in dieser Saison. Auf den ersten Blick ist das genauso überraschend, wie der bisherige, äußerst erfolgreiche Saisonverlauf. Als langjährige Wegbegleiter, ständige Beobachter und Teamkollegen von Marcel wissen wir, was ihn derzeit so erfolgreich macht: Es ist die enorme Lockerheit, die Marcel seit Wochen an den Tag legt. Die hatte er so in den vergangenen Jahren noch nie, und wenn er sie hatte, konnte er sie nie über einen so langen Zeitraum beibehalten…

Da wird vor und nach der Besichtigung gescherzt, zwischen den Durchgängen rennt der Schmäh – man merkt, wie viel Freude Marcel, an dem hat, was er macht. Der nun seit fünf aufeinanderfolgenden Slalomrennen anhaltende Erfolg trägt nun mehr und mehr dazu bei und versetzt ihn regelrecht in eine Art Flow-Zustand, in dem ihm alles zu gelingen scheint.

Warum? Ganz einfach: die Verletzung zu Beginn dieser hat Marcel und uns als Team den enormen Erfolgsdruck genommen. In den letzten Jahren waren die mit unheimlichen Erwartungen behaftetet Auftaktrennen in Sölden und Levi für uns alle immer die stressreichsten. In dieser Saison war das anders. Marcel konnte seit langem wieder mal einfach nur überraschen – und es sich leisten, Risiko zu gehen, wo er die letzten Jahre „auf Sicherheit“ gefahren ist, um nicht auszufallen…

Das Ergebnis dieses erwartungsarmen Saisonstarts sind pure Freude am Skifahren, gelebtes Risiko und eine ungeahnte Punkteausbeute. So gesehen war die Verletzung – auch wenn man eine Verletzung nie so bezeichnen oder sehen sollte – ein Segen.

Doch bei aller Euphorie und Freude: Diese Siegesserie ist vom gesamten Team hart erarbeitet! Nachdem klar war, dass Marcel keine wirkliche Vorbereitung wird absolvieren können, und all unsere jahrelang erprobten Routinen mit einem Mal über den Haufen geworfen wurden, dachten alle im Team: jetzt erst recht! Dementsprechend brutal war das Programm, das wir – vom Servicemann über den Physiotherapeuten bis hin zu Marcel selbst – gefahren sind, als Marcels Fuß wieder einigermaßen einsatzfähig war. Das war von 0 auf 120 und mit nichts aus den letzten Jahren vergleichbar!

Umso schöner ist es jetzt und umso interessanter wird es, wenn die unerwartete Siegesserie doch mal reißt und es mal nicht mehr so gut rennt, wie momentan. Aber auch darauf sind wir vorbereitet: wir wissen, der Moment wird kommen. Die Frage, die bis dahin offen bleibt, ist, wie Marcel und wir dann mit der Situation umgehen und ob wir es auch dann schaffen, uns die neu gewonnene Lockerheit zu erhalten?

Jetzt geht es erst einmal mit großen Schritten Richtung Kitzbühel. Ein Heimrennen, auf das wir uns alle jedes Jahr enorm freuen, obwohl für uns Heimrennen weitaus stressiger sind, als viele andere Rennen. Aber auch Kitzbühel dürfte Marcel in diesem Jahr mit einer neu gewonnenen Lockerheit angehen – zumal er nur im Slalom, nicht aber im Super-G starten wird.

Was gilt es jetzt aus trainingstechnischer Sicht bis Kitzbühel zu tun? Marcel ist derzeit in Topform, das muss man so sagen. Diese Form gilt es zu halten – durch ausreichende Regenerationszeiten und vor allem gezieltes und abwechslungsreiches Training: Qualität vor Quantität! Hoffen wir einfach, dass es noch lange so weitergeht!

Wir sehen uns in Kitzbühel!

Mike, Josef & Stefan

Alle bisherigen Blogpostings findest du HIER.

Veröffentlicht : 08.01.2018

Hirscher Blog: Genialer Start in den Wahnsinns-Monat

Die erste Woche 2018 ist mit 340 von möglichen 400 Punkten besser gelaufen, als ich mir das erträumt hätte! Den wichtigsten Rennmonat im Skiweltcup auf diese Weise zu beginnen ist eine Genugtuung.

Hi Leute,

ich hoffe ihr habt Weihnachten und Neujahr gut überstanden? Ich persönlich habe es sehr genossen, ein paar ruhige Tage mit der Familie zu verbringen. Nach den Feiertagen konnten wir vier sehr gute Trainingstage auf der Reiteralm absolvieren. Am 31. Dezember machten wir noch einen Tag Pause.

Ich habe mir den Spaß gemacht und mir im Flugzeug ausgerechnet was der Jänner für mich in Zahlen bedeutet. Laut Plan fahre ich neun Rennen in 31 Tagen. Das bedeutet gleichzeitig, dass 900 Punkte theoretisch möglich wären. Parallel trainiere ich im Jänner laut Plan zwölf Tage auf Schnee. Zehn Tage sind als „Pause“ geplant, wobei ich diese Tage dem Konditions- und Krafttraining widme und diese Tage gleichzeitig meist An- bzw. Abreisetage sind. Insgesamt lege ich im Jänner rund 14.000 Kilometer mit Auto, Hubschrauber und Flugzeug zurück! Nicht gezählt habe ich die unzähligen Medien- und Sponsorentermine, weil mir da der Überblick fehlt. Es ist also ein extrem intensiver Monat und der entscheidende, wenn man Weltcuppunkte sammeln möchte.

Das neue Jahr habe ich um 9 Uhr früh mit einem Flug nach Oslo zum Parallel-Event begonnen. Ein Trip, der sich dank Platz 5 mehr als gelohnt hat. Es wäre sogar noch mehr drin gewesen, hätte ich im Viertelfinale gegen Dave Ryding nicht versucht, die Doppelstangen-Technik zu fahren, mit der ich offensichtlich nicht so gut zurechtkomme, wie größer gewachsene Athleten. Trotzdem: Mit 40 Weltcup-Punkten beim City-Event bin ich überaus zufrieden! Das können die Zuschauer in Oslo nicht behaupten. Die tun mir rückblickend noch immer am ärgsten leid, weil sie wegen des dichten Nebels vor Ort kaum etwas von diesem eigentlich genialen Event mitbekommen haben…

Nach einem Pause- bzw. Reisetag ging es für mein Team und mich am Mittwoch mit Slalomtraining weiter, bevor es am Nachmittag gemeinsam mit Henrik Kristoffersen und Alexis Pinturault von Salzburg nach Zagreb ging. Nach der Landung in Kroatien musste ich zu allererst von meinem Physiotherapeuten behandelt werden, weil ich Probleme mit dem Nacken hatte. Zum Glück konnten die aber behoben werden, sodass ich den Zagreb-Krimi ohne Einschränkungen angehen und letztlich hauchdünn mit elf Hundertstel Vorsprung vor Henrik gewinnen konnte. Der erste von insgesamt drei Hundertstel-Krimis in nur vier Tagen!

Im Gedächtnis geblieben sind von dem einzigartigen Nachtrennen in Zagreb dennoch nicht etwa der sportliche Kampf und die schwierigen Bedingungen, sondern die unglaubliche Leistung, die die Organisatoren vor Ort vollbracht haben, damit das Rennen bei fast zweistelligen Plusgraden überhaupt stattfinden konnte. Summa summarum war es die Anstrengung sicher wert, denn die Atmosphäre, die beim Rennen in einer Großstadt vor tausenden Fans herrscht, ist einfach einmalig und mit nichts auf der Welt zu vergleichen.

Noch dazu konnten wir neben 100 Punkten in dem grobkörnigen, nassen Frühlingsschnee gute Erkenntnisse für die kommenden Rennen, insbesondere Adelboden sammeln. Wichtig, weil wir wegen meiner Verletzungspause Null Erfahrung hatten, welches Material bei diesen warmen Bedingungen funktioniert – jetzt wissen wir: das Set-Up, auf das wir in Zagreb im 1. und 2. Lauf gesetzt haben, passt für Gatschschnee perfekt!

Nächster und letzter Halt dieser unheimlich anstrengenden ersten Januarwoche war Adelboden. Los ging’s am Samstag mit dem wohl schwersten Riesentorlauf, den ich in Adelboden je gefahren bin. Sowohl im 1. als auch im 2. Lauf war es ein Ritt auf der Rasierklinge. Speziell im 2. Durchgang, wo mir bei der Einfahrt in den Zielhang ein übler Eigenfehler unterlaufen ist, der mir so nicht passieren darf. Glücklicherweise hat es dennoch für den Sieg und 100 weitere Punkte gereicht! Ein nervenaufreibendes, kräftezehrendes Rennen, das viel Energie gekostet hat…

Umso größer war die Freude darüber, dass es auch im Slalom am darauffolgenden Tag für den Sieg gereicht hat – noch dazu ein Doppelsieg, mit Michi Matt auf Platz 2. Es ist kein Geheimnis, dass dem Michi, genauso wie früher seinem Bruder Mario, dieser weiche, grobe Schnee liegt – das hat der Michi am Sonntag wieder einmal beeindruckend unter Beweis gestellt: Er ist schlau gefahren und wusste ganz genau, wo er das Tempo zurücknehmen und wo er Gas geben muss, um schnell zu sein. Davon habe ich mich vor meinem 1. Durchgang inspirieren lassen, dachte im Ziel aber nicht, dass ich vor Michi liegen würde. Trotzdem war ich am Ende des 1. Laufs erneut überraschend vorne. Mal wieder! ; )

Dasselbe Gefühl hat mich auch im 2. Durchgang lange begleitet. Erneut hat es nach der Entscheidung im Adelboden-Slalom grün geleuchtet – wieder mit wenigen Hundertstel Sekunden Vorsprung! Glück des Tüchtigen, alles kommt zurück, man kann es nennen, wie man will: momentan liege ich bei den knappen Entscheidungen immer vorne. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass ich gerade letzte Saison oft genug um wenige Hundertstel auf der anderen Seite stand…

Unterm Strich ist die erste Woche 2018 mit insgesamt 340 von möglichen 400 Punkten besser gelaufen, als ich mir das erträumt hätte! Der Januar ist und bleibt der wichtigste Rennmonat im Skiweltcup, da ist es eine große Genugtuung ihn auf diese Art und Weise zu beginnen.

Jetzt gilt es, den Körper wieder in Schuss zu kriegen und die Akkus wieder aufzuladen, bevor es in sechs Tagen weiter nach Wengen geht – ein Rennen, das ich noch nie gewinnen konnte und bei dem ich schon so manche schlechte Erfahrung gemacht habe. Die Freude an diesem schwierigen Hang habe ich dennoch nie verloren, ganz im Gegenteil! Der erste Tag der neuen Rennwoche beginnt mit ausgiebigen Physiotherapiestunde. Morgen wird ähnlich laufen, und am Mittwoch trainieren wir wieder auf der Reiteralm…

Wir sehen uns in Wengen!

Bis dahin,

Euer Marcel

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